27.08.2003 Per Draisine durch´s Eichsfeld - TA

Zum bevorstehenden 11. Tag des offenen Denkmals am 14.September lenkt das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit besonders auf das Thema Eisenbahndenkmalpflege. Rund 130 damit zusammenhängende Objekte haben Fachleute bisher aufgelistet. Bahnbetriebswerke in Weimar, Arnstadt und Meiningen, historische Viadukte und Bahnhöfe oder technische Raritäten wie die Zahnradbahnstrecke Stützerbach - Schmiedefeld oder die Oberweißbacher Bergbahn. Nicht alle stehen unter Denkmalschutz. Auch die durch das Eichsfeld führende "Kanonenbahn" nicht. Noch nicht.
Bäckermeister Martin Hardegen ist sauer. Wen hat er, im Bunde mit anderen Mitgliedern des 2002 gegründeten Kanonenbahnvereins, nicht schon alles per Fahrraddraisine über ein gutes Stück der landschaftlich traumhaft liegenden Strecke Dingelstädt - Geismar gefahren. Den an der Strecke wohnenden Thüringer Ministerpräsidenten, einen Wirtschafts-Staatssekretär, Tourismus- und Denkmal-Experten - alle waren begeistert, plädierten für den Erhalt des Kleinods und ließen hernach nichts, oder nur Unbefriedigendes von sich hören. "Wir haben unseren guten Willen gezeigt, jetzt wollen wir von anderen ebenfalls Taten sehen", heißt es unisono im Vorstand des von Winfried Stöber geleiteten Vereins. Bleibt die gewünschte Reaktion aus, könnte alles für umsonst gewesen sein, was von dem Verein auf rund fünf Kilometern der seit dem Jahre 1992 stillgelegten Strecke vollbracht wurde.
Paul Lauerwald ist eine umfassende Schilderung der Baugeschichte des Abschnitts zwischen Leinefelde und Eschwege der wegen ihrer geplanten militärischen Nutzung als "Kanonenbahn" betitelten Strecke zu danken. Nach seinen Recherchen setzte sich für das 1875 begonnene Bauwerk unter mehreren Varianten "eine Linienführung durch, die keinesfalls unproblematisch war aber dem heutigen Verlauf entsprach". Um gefährliche Neigungen zu überwinden, machten sich Kunstbauten erforderlich. Auf der rund 46 Kilometer langen, bis in die 1930er-Jahre zweigleisigen Strecke entstanden sechs Tunnel mit einer Gesamtlänge von 3580 Metern und acht Brücken.
Für die Bewältigung der Erd-, Schacht- und Tunnelbauarbeiten, so Chronist Lauerwald, "mussten neben vielen einheimischen Arbeitern Arbeitskräfte aus Italien, Galizien und auch aus Kroatien angeworben werden. Hacke, Schaufel, Tragekasten und Schubkarren waren die am meisten gebrauchten Arbeitsgeräte. Nötigt aus heutiger Sicht schon diese Kraftanstrengung Bewunderung ab, so gilt Gleiches für etliche Bauten entlang der Streck. Die Portale der Tunnel - besonders sei der bei Küllstedt hervorgehoben - und die Viadukte waren nicht nur eine ingenieurtechnisch reife, sondern zuweilen auch eine gestalterische Leistung. Zweifelsfrei das interessanteste Bauwerk unter den Brücken ist der 237 Meter lange Viadukt, welcher im weiten Bogen den Ort Lengenfeld unterm Stein im Unstrut-Hainich-Kreis überspannt. Das 1880 aus Schweißeisen errichtete Bauwerk besteht aus sechs Fischbauchträgern mit je 32,20 Meter Stützweite und zwei Kastenträgern mit je 17 Meter Stützweite. Die lichte Höhe zwischen Oberkante Fahrstraße und Oberkante Schiene beträgt stattliche 23 Meter. Die Widerlager und Pfeiler der Brücke bestehen aus mit Sandsteinquadern verblendetem Bruchsteinmauerwerk. Ein aktuelles Gutachten bescheinigt dem Bauwerk zwar insgesamt 192 Schäden, doch sind alle jene nicht von Tragweite für das Vorhaben, die Strecke (und somit auch die Brücke) zum Fahren mit Draisinen zu nutzen und als Rad- beziehungsweise Wanderweg frei zu geben. Derzeit aber ist das nicht möglich und Ausnahmegenehmigungen sind nicht in Sicht. Weder die Bahn, der die Strecke gehört, noch Landesbehörden legen sich dafür offenbar besonders ins Zeug. Dabei war alles schon einmal möglich: Zum Tag des offenen Denkmals 2002 oder zum jüngst erst stattgefundenen Kanonenbahnfest kamen tausende Interessierte. Sollen sie - um erst einmal ein Nahziel anzuvisieren - zum diesjährigen Denkmaltag wirklich vor verschlossenen Brückentoren stehen müssen? Heinz STADE
27.08.2003

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